Weihnachten im August

Jonathan Eicker • 21 August 2018

Anhören:

https://zellgemeinde-bremen.de/podcast/predigten/2018/08/19/weihnachten-im-august/

 

Fragen zum Einstieg

  • Freue ich mich auf Weihnachten? Falls ja, worauf besonders?
  • Was nervt oder stresst an Weihnachen?
  • Was rührt mich an der biblischen Weihnachtsgeschichte an? Gibt es Punkte, die mich stören oder irritieren?

Kaum ein Fest ist so stark mit einer bestimmten Jahreszeit, Liedern, Bräuchen und Erwartungen verknüpft wie Weihnachten. 
Auch im ca. 200 Jahre alten Gedicht von Eichendorff spürt das lyrische Ich der uns bekannten Atmosphäre des Festes nach und macht dann aber eine überraschende Entdeckung.


Weihnachten
Joseph von Eichendorff

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in’s freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

Das Fest Weihnachten wird durchaus wertschätzend dargestellt, das Entscheidende erlebt der lyrische Sprecher allerdings erst, als die „Mauern“ verlassen werden und er „Bis hinaus in's freie Feld“ geht. In der „Einsamkeit“ ereignet sich etwas Geheimnisvolles, das anscheinend nur mit dem Vergleich „wie wunderbares Singen“ umschrieben werden kann. Das Ich erlebt den Anbruch einer „gnadenreiche Zeit“.

 

Schlussfolgerung/These
Die Bedeutung von Weihnachten erlebe ich vielleicht nicht (nur) da, wo ich sie normalerweise verorte (Familie, Kirche, Fest, Dezember), sondern da, wo ich sie nicht erwarte.
Da, wo ich einsam bin, wo nicht alles perfekt ist, wo Dunkelheit herrscht und dann, wenn mir überhaupt nicht danach zu Mute ist, bin ich dem Kern von Weihnachten am nächsten.

 

Bibeltexte

Matthäus 1

18 Dies ist die Geschichte der Geburt Jesu Christi: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt. Aber noch bevor die beiden geheiratet und Verkehr miteinander gehabt hatten, erwartete Maria ein Kind; sie war durch den Heiligen Geist schwanger geworden. 19 Josef, ihr Verlobter, war ein Mann mit aufrechter Gesinnung. Er nahm sich vor, die Verlobung aufzulösen, wollte es jedoch heimlich tun, um Maria nicht bloßzustellen. 20 Während er sich noch mit diesem Gedanken trug, erschien ihm im Traum ein Engel des Herrn und sagte zu ihm: »Josef, Sohn Davids, zögere nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen! Denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. 21 Sie wird einen Sohn zur Welt bringen. Dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk von aller Schuld befreien.« […] 24 Als Josef aufwachte, folgte er der Weisung, die ihm der Engel des Herrn gegeben hatte, und nahm Maria als seine Frau zu sich. 


Lukas 2

1 In jener Zeit erließ Kaiser Augustus den Befehl an alle Bewohner seines Weltreichs, sich ´in Steuerlisten`eintragen zu lassen. 2 Es war das erste Mal, dass solch eine Erhebung durchgeführt wurde; damals war Quirinius Gouverneur von Syrien. 3 So ging jeder in die Stadt, aus der er stammte, um sich dort eintragen zu lassen. 4 Auch Josef machte sich auf den Weg. Er gehörte zum Haus und zur Nachkommenschaft Davids und begab sich deshalb von seinem Wohnort Nazaret in Galiläa hinauf nach Betlehem in Judäa, der Stadt Davids, 5 um sich dort zusammen mit Maria, seiner Verlobten, eintragen zu lassen. Maria war schwanger. 6 Während sie nun in Betlehem waren, kam für Maria die Zeit der Entbindung. 7 Sie brachte ihr erstes Kind, einen Sohn, zur Welt, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe; denn sie hatten keinen Platz in der Unterkunft bekommen. 


Fragen zum Weiterdenken

  1. Das lyrische Ich im Gedicht erlebt eine „gnadenreiche Zeit“ - allerdings abseits vom fröhlichen Fest, außerhalb der Stadtmauern in der Einsamkeit. Inwiefern entdeckt man auch in den Bibeltexten zur Weihnachtsgeschichte beides: Gottes gnadenvolle Gegenwart und gleichzeitig dunkle, einsame Stunden? Kenne ich das auch? Wie gehe ich mit dieser Spannung um?
  2. Kann ich Metaphern aus dem Gedicht auf mein Leben beziehen? Welche „Mauern“ könnte ich verlassen? Was/Wo ist mein „freies Feld“? Welches konkrete Vorhaben könnte aus diesen Überlegungen resultieren?
  3. Was bedeutet Gnade für mich? Fällt es mir immer leicht sie anzunehmen? Wann fällt es mir schwer, gnädig zu sein?
Dateien