Der richtige Jesus | 1.Joh.4,1-6 (Teil 9)

Jens Stangenberg • 5 Juni 2018

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https://zellgemeinde-bremen.de/podcast/predigten/2018/06/04/der-richtige-jesus-1-johannesbrief-teil-09/

Bibeltext: 1.Joh.4,1-6

1 Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn viele falsche Propheten sind hinausgegangen in die Welt. 2 Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, der ist von Gott; 3 und ein jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er kommen werde, und er ist jetzt schon in der Welt.
4 Kinder, ihr seid von Gott und habt jene überwunden; denn der in euch ist, ist größer als der, der in der Welt ist. 5 Sie sind von der Welt; darum reden sie, wie die Welt redet, und die Welt hört sie. 6 Wir sind von Gott, und wer Gott erkennt, der hört uns; wer nicht von Gott ist, der hört uns nicht. Daran erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums.

1) Die Notwendigkeit zu prüfen (V.1)
Wir leben in einer Welt voller Täuschungen. Schon damals schrieb Johannes: "Glaubt nicht einem jeden..., sondern prüft..."

2) Der Begriff: Was meint "prüfen"?
Prüfen meint: Unterscheiden lernen. Es geht nicht um eine zwanghafte Skepsis allem und jedem gegenüber, sondern um die Fähigkeit, Informationen und Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu bewerten.
Gerade im Bereich der Religionen ist nicht alles gleich gut und richtig. Es gibt grundlegende Unterschiede. Prüfen heißt, eine begründete Auswahl zu treffen.

3) Die Ermöglichung: Eine innere Autorität
Es ist geradezu revolutionär, dass Johannes von einer inneren Autorität spricht (V.4). Der in uns ist, ist größer, als der in der Welt ist. So eine Aussage ist überhaupt nicht selbstverständlich.

Im Verlauf der Gottesoffenbarung redet Gott von verschiedenen (Stand)orten.

  • Zum werdenden Volk Israel vom Horeb, also von oben herab.
  • Während der Wüstenwanderung aus dem Allerheiligtum der Stiftshütte, also auf einer Ebene inmitten des Volkes.
  • Später unter dem König Salomo wird der Tempel als zentrales Heiligtum gebaut.
  • Für viele Jahrhunderte spielen herausgehobene Personen eine Rolle: Priester, Propheten oder Könige.
  • Als im 6. Jahrhundert v.Chr. der Tempel zerstört und das Volk Israel in das Exil nach Babylon geführt wurde, änderte sich die Kultur. In den weiteren Jahrhunderten gewannen die Synagogen immer mehr an Bedeutung. Und es war möglich, dass bereits 10 Männer einen jüdisch-religiöse Versammlung abhalten konnten.
  • Jesus radikalisiert diesen Ansatz: Er sprach davon, dass dort, wo zwei oder drei (also die kleinstmögliche Gruppe) in seinem Namen zusammenkämen, er mitten unter ihnen sei. Weder sind Amtspersonen nötig, noch muss es eine reine Männerversammlung sein.
  • Johannes verlängert die Erfahrung des Geistempfangs (Pfingsten) dahingehend, dass nun jeder Nachfolger Jesu eine innere Autorität hat, der er folgen kann. Das ist auf der menschlichen Ebene im Kern vollständig antihierarchisch. Weder ist es eine Demokratie, wo es nur um menschliche Meinungen geht, noch ist es eine pyramidenartige Theokratie, in der der Herrscher Gottes Willen repräsentiert. Stattdessen müsste man es "Pneumatokratie" nennen: Es ist der Geist, der aus dem Inneren der Gläubigen spricht und leitet. Und durch die jesusgemäße Liebe sind die einzelnen zu einer Leib-Christi-Gemeinschaft zusammen gebunden.

Dann die Kirchengeschichte:

  • Offenbar kam die spätere Kirche immer weniger mit diesem unkontrollierbaren Geistwehen zurecht. Sie entwickelte erneut hierarchische Strukturen analog zum Alten Testament: heilige Gebäude, Rituale und Priester.
  • Die Gläubigen wurden durch ein kirchliches Lehramt (katholisch) oder durch professorale Bibelausleger (evangelisch) erneut entmündigt. Man griff machtpolitisch ein, um falsche Propheten oder Irrlehrer auszuschalten.
  • Die ursprüngliche Vision des Johannes war aber, dass jeder Gläubige mündig wird, um prüfen zu können und ein wertvoller Teil von einer christlichen Gemeinschaft zu sein.

4) Die Kriterien: Woraufhin prüfen?
Wenn es viele Täuschungen gibt und jeder aufgefordert ist zu prüfen, dann braucht es Kriterien. Für Johannes ist das zentrale Prüfkriterium, um den Christus-Geist zu erkennen, folgendes: Bekennt ein gläubiger Mensch, dass Jesus "in das Fleisch gekommen" ist?

Mit "in das Fleisch" ist Inkarnation gemeint. Gott wird in Christus Mensch. Die großen theologischen Auseinandersetzungen in den ersten Jahrhunderten drehten sich genau um diese Aussage. Für das christliche Erlösungsverständnis ist es ausgesprochen wichtig, dass Jesus Christus zugleich Gott als auch Mensch war: Als Gott kann er Sünden vergeben und als Mensch kann er das Menschsein nachempfinden und mit unserer Schwachheit mitfühlen.

  • Nur Gott?: Dahinter steckt die Überzeugung, dass sich Gott nur als Mensch verkleidet habe. Kurz vor dem Tod am Kreuz aber hätte der Christusgeist den Menschen Jesus von Nazareth verlassen. Denn Gott ist ein universaler Geist, der nicht sterben kann. Solche Vorstellungen finden wir bis heute im esoterischen Bereich.
  • Nur Mensch?: Dann wird Jesus von Nazareth als großer Prophet verehrt. Der Begriff "Christus" wäre dann zwar ein Ehrentitel, bedeute aber nicht, dass sich in Jesus Gottes ganze Fülle und Herrlichkeit offenbart habe. Ähnliche Vorstellungen gibt es im Judentum und im Islam. Auch in modern-liberaler Theologie wird Jesus als großer Weisheitslehrer, aber nicht als Gottes Sohn verehrt.

Zwei Bibelverse bringen die Zusammenschau von Gott und Mensch noch einmal auf den Punkt:

  • Joh 1,14: Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
  • 1.Tim.2,5: Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus,

5) Heute: Was ist zu prüfen?
Hinter dem Kriterium "Jesus Christus in das Fleisch gekommen" steckte folgendes Anliegen:

  • Prüfe, ob auch "christlich" drin ist, wo "christlich" draufsteht. Denn Jesus ist nicht identisch mit "(Frei)kirche" oder Christentum.

Wir blicken auf eine 2000 jährige christliche Tradition zurück. Vieles, was unter dem Begriff "Christentum" auftritt, ist nicht automatisch christlich. Heidnische Einflüsse sind in den christlichen Glauben eingedrungen. Verzerrungen, Missdeutungen und Fehlentwicklungen haben sich ausgebreitet. Machtpolitische Interessen haben den christlichen Glauben überlagert und instrumentalisiert. Deswegen ist es nötig, zu prüfen und das, was wir "(Frei)Kirche" nennen, anhand der biblischen Zeugnisse beständig zu reformieren. Das oberste Kriterium ist Jesus Christus in seinem Leben, seiner Lehre, seinem Tod und seiner Auferstehung. Folgende Fragen haben für heute Bedeutung:

  • Macht/ Obrigkeit: Welche Autoritäten braucht es?
  • Gruppenidentität/ Grenzen: Wie viel Abgrenzung ist nötig?
  • Moral/ Regelsystemen:Welche Vorschriften sollen sein?
  • Gewalt und Krieg: Wie steht es mit der Friedensethik?
  • Event-/Konsumorientierung: Verkommt Glaube zu einem Produkt?

Fazit: Du bist als Christ aufgefordert, mündig und reflektiert vor Gott und vor Menschen zu leben. Prüfe, ob vermeintlich christliche Überzeugungen auch wirklich jesusgemäß sind und lege - wenn nötig - Einspruch ein. Nur wenn möglichst viele mitdenken, bleiben wir gemeinsam auf dem Jesus-Weg.

Fragen für Zellgruppen:

  1. Was löst es bei dir aus, dass dir als "Normal-Christ" zugetraut wird, "die Geister " zu prüfen? Eher Überforderung oder Begeisterung?
  2. Johannes benannte das Kriterium "Jesus Christus in das Fleisch gekommen". Das bleibt nach wie vor wichtig. Welche weiteren Kriterien fallen dir ein, um herauszufinden, was "christlich" ist?
  3. Nenne Beispiele: Ab wann ist für dich etwas nicht mehr christlich, obwohl es christlich erscheint oder auftritt?
  4. Betet für uns als Gemeinde, dass wir gemeinsam auf einem jesusgemäßen Weg gehen und bleiben.
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