Den Tempel befreien - aber wovon?

Tobias Ennulat • 4 März 2018

 

Großreinemachen mit Jesus - Den Tempel befreien - Joh 2,13-25

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https://zellgemeinde-bremen.de/podcast/predigten/2018/03/04/grossreinemachen-mit-jesus-den-tempel-befreien-aber-wovon/

Material für die Zellgruppen

Bibeltext: Johannes 2,13-25

Hintergrund und Beobachtungen:

Die dem modernen Denken eher fremden Vorstellungen von „rein“ und „unrein“, sind für das Alte Testament und das frühe Judentum zentrale Ordnungskategorien. Reinheit steht im Zusammenhang mit Leben, Unversehrtheit, Ganzheit und Integrität. Reinheit ist die Voraussetzung für die Nähe Gottes, für seinen Segen und für die Möglichkeit sich Gott zu nahen.

Unmittelbar vor der “Tempelreinigung” benutzt Jesus für die rituelle Reinigung vorgesehene Krüge um für Weinnachschub auf einer Hochzeitsfeier zu sorgen. Ein erster Hinweis auf eine deutliche Kritik am Reinigungssystem der damaligen Zeit.

Anders als in den drei anderen Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas) findet die “Tempelreinigung” im Johannesevangelium am Anfang des Dienstes von Jesus statt. Damit gehört sie programmatisch zum Wesen des Auftrags von Jesus.

Das ausdifferenziertes Reinigungssystem hatte weitreichende Auswirkungen auf alle Lebensbereiche. Es sorgte für sehr klare gesellschaftliche Grenzen: Zwischen rein und unrein. Gerechten und Sündern. Vollkommenen und Unvollkommenen. Zwischen männlich und weiblich. Reich und Arm. Juden und Heiden. Meistern und Dienern.

All diese Kategorisierungen stellt Jesus im Laufe des Johannesevangeliums in Frage (z.B. Joh 13 - Die Fußwaschung).

Die Verwandlung von Wasser in Wein war nicht nur ein Weg eine tolle Party zu haben. Vielmehr ging es darum Barrieren zu überwinden. Es ging Jesus um eine andere Art die Welt und Gottes Präsenz darin zu sehen.

Und es ist auch kein Zufall, dass die nächste Aktion im Tempel stattfand, dem Herzen des Reinheitssystems. Die Tiere waren für die Opfer da. Tauben waren nötig, weil arme Leute sich nicht die wertvolleren Tiere leisten konnten. Geldwechsler waren ein essentieller Teil des Systems. Es galt als Götzendienst Münzen des römischen Imperiums mit dem Kaiserbild zu nutzen um damit seine Opfer zu finanzieren.

All dies stellt Jesus hier mit seiner Aktion in Frage. All diese Kategorisierungen, Barrieren und Grenzen zwischen Gott und Mensch und zwischen Menschen werden in diesem prophetischen Akt kritisiert. Es geschah zur Zeit des Passah, dem großen Fest der Befreiung von Fremdbestimmtsein, dem Exodus. Es geht um eine Befreiung von gesellschaftlichen Kategorisierungen und religiösen Zwangssystemen. So paradox es klingen mag: Jesus reinigt den Tempel vom Reinheitssystem.

Es geht um Befreiung hin zu Christus. Und von dieser Christusbeziehung kann uns Religion, Perfektionismus, ein Reinheitssystem, das eigene Gut-Sein (vgl. die Gespräche von Jesus mit der Frau am Brunnen und in Joh 8), ja unser “Gehorsam” abhalten, weil er uns in uns selbst isoliert und immun gegenüber der Gnade macht.

 

Fragen:

Wo ist dir Glaube in Form der Botschaft “Tu mehr! Streng dich an! Werde besser!” begegnet? Glaube als Appell und moralische Botschaft, die eher isoliert als gemeinschaftsbefeuernd wirkt?

In wiefern kann dein Unvermögen, deine Sünde - wenn du davon weißt - das Beste sein, was zur Zeit passiert in deinem Leben?

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